Willkommen im Umfrage-Märchenland - das Beispiel Tirol

  • Willkommen im Umfrage-Märchenland - das Beispiel Tirol

    gruener (Luddit), 01.10.2022 05:15
    #1

    Ich habe die letzte Wahl in Tirol zum Anlass gekommen, eine kurze Abhandlung über die Prognosezuverlässigkeit der (österreichischen) Umfrageinstute zu verfassen:

    Willkommen im Umfrage-Märchenland - "Sonntagsfragen" ohne Sinn und Verstand

    Am letzten Septemberwochenende blamierten sich die Umfrageinstitute erneut bei einer wichtigen Wahl in Österreich.  Die Erhebungen ihrer kurz vor dem Urnengang durchgeführten Umfragen hatten mit dem realen Wahlergebnis kaum etwas gemein.

    Dabei dürfte der eigentlichen Umfragen-Hauptthese ein/e Jede/r vor der Landtagswahl in Tirol zugestimmt haben: Die ÖPV kann ihr Ergebnis von 2018 (44,3%) nicht halten, sie wird mehr oder weniger deutlich verlieren. Der bundesweite Trend sprach gegen die Volkspartei, die zudem nach dem Rückzug ihres langjährigen Landeshauptmanns Platter einen Notkandidaten aus dem Hut zaubern musste.

    So weit, so gut. Aber je näher der Wahltag rückte desto höher wurden plötzlich die ermittelten Verluste für die konservative Tiroler Regierungspartei. Im Wahlmonat September fand sich selbige im tiefen Jammertal von rund 25 % wieder. Bis zu 20 Prozentpunkte würde die ÖVP einbüßen, darin waren sich  -  bei einer Ausnahme - alle Umfrageninstitute einig. Augenfällig war zudem der Gleichklang des vermutlich gewichteten ÖVP-Ergebnisses. (unwahrscheinlich, dass alle Rohdaten einen Wert von etwa 25 % für die ÖVP ergeben haben) Es klang wie abgeschrieben, wenn nicht gar abgesprochen oder von den Auftraggebern gewünscht.

    Uneinig waren sich die Umfrager immerhin darin, wohin die freigewordenen Wählerprozente am Wahltag wandern würden. Wild spekulierte man, ob sich nicht die Liste Fritz stimmenmäßig verdreifachen könnte. die NEOS gar ein zweistelliges Ergebnis einfahren dürften, SPÖ und FPÖ wurden über 20 % zugetraut, sogar die KPÖ rückte plötzlich in Richtung 5-Prozent-Hürde vor, obwohl die Partei nur in zwei Tiroler Bezirken antrat. Selbst die Grünen konnten sich eine Zeitlang an Stimmenzuwächsen erfreuen, ganz so als hätte der kleine Koalitionspartner in neun Regierungsjahren eine Glanzperformance hingelegt und alle gesteckten Wahlziele umgesetzt. (Immerhin näherte sich ein Wiener Wochenmagazin der Wahrheit, indem es den grünen Spitzenkandidaten Gebi Mair als "Kleinbei-Gebi" charakterisierte)

    Am Wahlsonntag war plötzlich klar: All dies hatte mit der Realität nichts oder nur wenig gemein. Um annähernd 10 Prozent verschätzte man sich bei der ÖVP und machte so aus dem klaren Wahlverlierer beinahe schon wieder einen Wahlgewinner. Anton Mattle – das könnte eine mögliche Message sein -  holte seine Partei glanzvoll und spektakulär aus den gnadenlosen Untiefen der Umfragen. Welch ein schlechter Treppenwitz.

    Die im Vorfeld der Landtagswahl publizierten Parteiumfragewerte wirkten jedoch so sehr an den Haaren herbeigezogen, dass sie an anderer Stelle sogleich als abenteuerlich und absurd entlarvt wurden. So geschehen auf der Prognoseplattform Wahlfieber, auf der zwei Wahlbörsen zur Tiroler Wahl angeboten würden. Die beteiligten User kamen schnell darüber überein, dass die Volkspartei ein Ergebnis deutlich über 30 % einfahren würde. Entsprechend handelten sie auf den Wahlbörsen. Und bescherten Wahlfieber die mit Abstand beste Prognose für Tirol 2022. Ein kleines Licht im dunklen und unrealistischen Grau der Umfrageinstitute.

    Zur Tabelle

    Obgleich auch die Prognosen von Wahlfieber nicht in die Kategorie „berauschend“ – also „sehr gut“ – fallen, wird beim direkten Vergleich deutlich: Zwischen den kollektiven Prognosen - den Wahlbörsen - und den Umfrageinstituten liegen prognostische Welten. Und zwar unabhängig davon, welche der gängigen drei Fehlermethoden zur Ermittelung der Prognosegüte angewandt wird.

    Ein Vergleich mit der Landtagswahl in 2018 zeigt zudem: Vor viereinhalb Jahren sah es, obwohl im Bereich der Umfragen auch andere Player unterwegs waren, nicht anders aus. Das Versagen der Umfrageinstitute ist, zumindest für das Land Tirol, kein einmaliger Vorgang. Es genießt bereits – so scheint es - Systemcharakter.

    Mögliche Ursachen für das Umfragefiasko

    Über die interne Gewichtung der erhobenen Rohdaten schweigen sich die Umfrageinstitute bekanntlich aus. Die Gewichtung bleibt ihr persönliches Geheimnis. Dass auch die besten Algorhythmen mitunter sehr fehleranfällig sind, wird vorausgeschickt.

    Ursächlich könnten aber auch die Methodik der Erhebungen sowie die geringe Anzahl der befragten Personen sein. In allen betroffenen Fällen war das verwendete Sample sehr gering und lag im mittleren dreistelligen Bereich.

    Im Weiteren wurden die Umfragedaten für die Tiroler Wahl nicht ausschließlich telefonisch erhoben, sondern mehrheitlich, wenn nicht gar gänzlich durch Onlinebefragungen. Eine Methode, die sich in der Vergangenheit als eher ungeeignet erwiesen hat, um wirklich verlässliche Aussagen zu erhalten. Dies gilt umso mehr, wenn die zur Verfügung stehende Datenmenge gering ausfällt.

    In Deutschland ermitteln zwei Umfrageinstitute primär mit Hilfe von sogenannten Online-Panels. Civey und INSA: Beide Institute findet man nicht ohne Grund regelmäßig nach deutschen Wahlen unter den Flop 3 der schlechtesten Prognosen, während auch in Deutschland die Wahlbörsen bei fast allen Wahlen signifikant genauer prognostizieren.

    **************

    Zum Nachlesen:

    Die Prognosen und das Ergebnis der Landtagswahl in Tirol 2022:

    http://wahlfieber.at/de_du/forum/prognosen/7721/#posting5

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